Die Geschichte der Verantwortung

Es gibt eine Frage, die ich zwanzig Jahre lang nie gestellt habe. Nicht: „Warum bin ich so gestresst?“ Sondern: „Wann hab ich eigentlich gelernt, so zu reagieren?“

Ich war die Inhaberin. Die, die immer da war. Die, bei der jede Mitarbeiterin und jede Kundin wusste: die regelt das schon. Und ich hab das geregelt. Jahrelang. Bis mein Körper mir eine andere Rechnung präsentiert hat.

Woran du die Geschichte der Verantwortung erkennst

Du bist die Erste im Salon und die Letzte, die geht. Du übernimmst die schwierige Kundin, weil „die anderen das nicht so gut können.“ Du bist krank – und kommst trotzdem, weil sonst ja niemand da ist. Von außen sieht das aus wie Stärke. Von innen ist es oft Erschöpfung mit Lächeln drüber.

Das ist keine Charakterschwäche. Das ist eine Strategie, die dein Nervensystem irgendwann gelernt hat, weil sie dir früher Sicherheit gegeben hat. Und diese Geschichte fängt selten im Salon an. Meistens viel früher – in einer Kindheit, in der Verantwortung übernehmen der sicherste Weg war, gesehen zu werden. Der Salon hat das Muster nicht erschaffen. Er hat es nur zur Bühne gemacht.

Eine Szene aus dem Salon

Freitagnachmittag, eine Kollegin meldet sich krank, die Kundin auf 15 Uhr braucht dringend eine Farbkorrektur, und du denkst nicht „wer könnte das übernehmen“, sondern sofort „ich mach das“. Kein Zögern. Kein Abwägen. Nur Reflex. Genau dieser Reflex ist die Geschichte, um die es geht.

Was das mit deinem Körper macht

Ich hab diesen Reflex achtzehn Jahre lang gelebt. Anfang vierzig kam der Bandscheibenvorfall. Mit fünfzig die ersten Anzeichen von Burnout. Mit dreiundfünfzig der Zusammenbruch. Mit neunundfünfzig der Herzinfarkt. Vier Warnschüsse. Ich hab erst beim vierten wirklich hingehört.

Ein erstes Werkzeug: die Drei-Sekunden-Frage

Bevor du das nächste Mal automatisch „ich mach das“ sagst, halte drei Sekunden inne und frag dich: „Mach ich das, weil es gerade wirklich nötig ist – oder weil ich es nicht ertrage, nicht gebraucht zu werden?“ Du musst die Antwort niemandem sagen. Nur dir selbst.

Ein zweites Werkzeug: eine bewusste Stärke benennen

Aus der positiven Psychologie nach Seligman: Am Ende eines anstrengenden Tages frag dich nicht „was ist heute schiefgelaufen“, sondern „wo hab ich heute eine Grenze gehalten, statt sie zu übergehen“. Auch wenn es nur eine kleine war.

Als Mentalcoach für Antistresscoaching und Fachkraft für Stressmanagement (IHK) sehe ich diese Geschichte der Verantwortung fast täglich – bei Saloninhaberinnen, bei Teams, bei mir selbst, auch heute noch manchmal. Sie verschwindet nicht einfach. Aber sie verliert ihre Macht, sobald du sie erkennst.


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